In der letzten Zeit berichten mir Initiativen und Bürgerbewegungen immer häufiger, dass frühere Unterstützer sich zurückzögen, aus Scheu „zu politisch“ zu wirken. Verständlich: Wer sich klar positioniert, riskiert, in Schubladen gesteckt zu werden oder sich Feinde zu machen. Besonders in Zeiten sozialer Medien, in denen Diskussionen oft hitzig und wenig differenziert geführt werden, erscheint es angenehmer, sich herauszuhalten – und „neutral“ zu bleiben. Wer sich offen äußert, läuft Gefahr, Widerspruch zu ernten oder sogar Freunde und Familie zu verprellen. Gerade in einem zunehmend polarisierten Klima scheint es sicherer, unauffällig zu bleiben.
Unter dem Tarnumhang der Neutralität Streit aus dem Weg zu gehen, mag kurzfristig gelingen – und gleichzeitig zahlen wir als Gesellschaft in der heutigen Zeit allerdings unter Umständen einen hohen Preis für diesen Fassaden-Frieden. Politische Zurückhaltung hat also Folgen – für die Demokratie, die Gesellschaft und letztlich für jede:n Einzelne:n. Demokratie ist kein „Zuschauersport“: Wer sich nicht äußert, überlässt die öffentliche Debatte anderen – das sind meist die Lautesten. Gerade in einer Zeit, in der populistische Strömungen und Desinformation zunehmen, ist es umso wichtiger, dass engagierte Bürger:innen ihre Stimmen erheben oder diejenigen unterstützen, die es für sie tun.
Das umfasst auch das Hinterfragen von Missständen, das Fördern von Dialog und das Verteidigen demokratischer Werte. Politisches Engagement muss nicht immer in Parteiarbeit münden – es kann sich in Protesten, Bürgerinitiativen oder einfach im Alltag zeigen, indem man über relevante Themen spricht und sich informiert, Meinungsvielfalt lebt und – im Rahmen des menschlichen Miteinanders – auch zulässt. Nicht immer einfach, zugegeben.
Dabei kann jede:r sich ganz im eigenen Rahmen beteiligen: sei es durch eigenes Einbringen, Spenden oder schlicht dadurch, demokratischen Aktionen die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wenn ich durch Bargteheide gehe, mit Menschen spreche, finde ich immer wieder tolle Initiativen und Veranstaltungen, die Aufmerksamkeit und Unterstützung verdienen – jetzt mehr denn je. Immer wieder Grund, sich täglich neu in dieses kleine weltoffene Städtchen zu verlieben. Und – um eine der großen Philosophinnen des letzten Jahrhunderts zu zitieren: Liebe wird aus Mut gemacht. Also: Nur Mut.
Julia Dorandt